Leseprobe Höllenflügel - Chroniken des Himmels 1

Verschaffe dir mit der Leseprobe von Höllenflügel – Chroniken des Himmels 1 einen Überblick, was dich in diesem Buch erwartet. Es handelt sich dabei um einen Teil des ersten Kapitels.

Kapitel 1

»Bald wirst du erwachsen sein.« Die Worte meiner Mutter dominierten immer noch mein Denken, obwohl sie inzwischen schon zu einem anderen Thema übergegangen war.

Erwachsen. Dieses Wort kam mir extrem unwirklich vor. Noch fühlte ich mich kein bisschen, als würde es zu mir passen. Vielleicht, weil ich die Schule erst in ein paar Monaten beenden würde. Selbst mein achtzehnter Geburtstag vor ein paar Wochen hatte an dieser Einschätzung nichts geändert. Trotzdem war ich nur wenige Stunden davon entfernt, erwachsen zu sein. Jeder würde mich dann als ein vollwertiges Mitglied der Elfengemeinschaft ansehen.

War ich dafür überhaupt bereit? Nein, wenn ich ehrlich war, nicht mal im Ansatz.

Wenn die heutige Veranstaltung Freiheit bedeutete, wieso wollte ich dann am liebsten aus dem Empfangssaal stürmen? Freiheit war doch etwas Gutes und bis gestern hatte ich mich auch auf die Zeremonie gefreut. Aber jetzt hatte sich mein Magen in einen dicken, fetten Klumpen verwandelt, der von unten meine Lunge zusammendrückte.

Eigenständig und frei. Das hatten meine Lehrer gesagt, wenn sie von der Beflügelung erzählt hatten. Durch die Schwingen waren wir nicht mehr von anderen Elfen abhängig. Wir konnten uns aus eigener Kraft von einem Ort zum anderen bewegen. Egal, wie weit die Entfernung war. Deswegen waren wir ab diesem Moment selbst für unsere Taten verantwortlich. Mussten Entscheidungen treffen, die man uns zuvor abgenommen hatte.

Nicht weit von mir entfernt stand die Bühne, auf die ich in Kürze gerufen werden würde. Ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Obwohl in diesem Raum viele weitere Elfen in meinem Alter darauf warteten, ihre Flügel zu erhalten, wäre ich allein im Zentrum der Aufmerksamkeit. Alle Augen auf mich gerichtet. Ein Schauder lief mir bei dem Gedanken über den Rücken.

Schnell schüttelte ich den Kopf. Ich sollte aufhören, die Bühne wie einen Hinrichtungsort anzustarren. Stattdessen wandte ich mich meiner Familie zu, in deren breitem Grinsen deutlich Vorfreude zu erkennen war.

Meine große Schwester Camille griff nach meiner Hand und drückte sie. Ihre fühlte sich im Gegensatz zu meiner angenehm warm an und diese Wärme übertrug sich für den Moment auch auf mich.

»Du wirst sehen, dein Auftritt auf der Bühne ist schneller vorbei, als du dir jetzt vorstellst.«

»Hoffentlich«, murmelte ich und versuchte, mein Lächeln etwas ehrlicher wirken zu lassen. Es funktionierte nur semioptimal, wie ich dank der großen Spiegel an den Wänden erkannte.

Nicht zum ersten Mal probierte Cammi mich aufzumuntern. Bei mir war es auch schnell vorbei. Niemand wird sich später daran erinnern, was du gemacht hast. Inzwischen konnte ich das schon nicht mehr hören, weil ich wusste, dass sie recht hatte. Aber das Wissen änderte nichts an meinen Gefühlen. Zwischen Kopf und Herz bestand in Bezug darauf keine Verbindung.

Hilfesuchend sah ich, wie schon so häufig seit unserer Ankunft, zur Eingangstür, aber meine beste Freundin konnte ich immer noch nicht entdecken.

Verdammt, Azalea, wo bleibst du?

Sie würde meine Nervosität wenigstens ansatzweise verstehen. Schließlich teilte sie mein Schicksal. Es war zwar nicht das erste Mal, dass ich wegen ihrer Unpünktlichkeit auf sie warten musste, aber bei solch einer wichtigen Veranstaltung hatte ich fest damit gerechnet, dass sie und ihre Familie rechtzeitig kamen. Das hier war kein Unterricht, bei dem sie die Verspätung mit einem charmanten Lächeln aus der Welt schaffen konnte.

»Ich schaue mal draußen, wo Lea bleibt«, verkündete ich und wandte mich in Richtung Tür. Im Eingangsbereich wäre ich zumindest nicht mehr direkt mit der Bühne konfrontiert. Vielleicht zeigte das Wirkung.

Meine Mutter öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, doch meine Schwester schüttelte den Kopf. Cammi kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich jetzt vor allem Ruhe brauchte, um mich zu entspannen.

»Geh nicht zu weit weg, Jasmin. Nicht, dass du deine Beflügelung verpasst!«, rief Maman mir stattdessen hinterher.

Kurz nickte ich, ehe ich meine Schritte beschleunigte. Zielsicher schob ich mich durch die wartenden Elfen im Saal und ließ noch mal den Blick durch den Raum gleiten, ob ich Lea nicht doch entdeckte. Allerdings konnte ich weder sie noch ihre Eltern zwischen den Anwesenden ausfindig machen. Im Gegensatz zu den Vorstellungen der Menschen waren unsere Flügel leider nicht transparent wie die von Insekten, sondern ähnelten mit ihren Federn denen von Engeln. Da gab es für mich keine Möglichkeit, weit zu schauen.

In dem Gang vor dem Saal begrüßte mich eine Stille, die mir sofort half, mich zu entspannen. Tief sog ich die Luft ein und schickte mich in Gedanken zu unserem letzten Urlaub in den Waldgebieten von Fiore. Die Erinnerung an das sanfte Rauschen der Bäume und den Duft der klaren Luft sorgte dafür, dass ich ruhiger atmete und sich der Druck auf meiner Brust zum größten Teil auflöste.

»Zu viele Elfen auf einem Platz?« Eine männliche Stimme zerstörte jäh die traumhaften Bilder in meinem Kopf.

Erschrocken fuhr ich herum und presste mir die Hand auf die Brust. Mir gegenüber stand ein junger Mann mit blonden Haaren, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er konnte höchstens Anfang zwanzig sein, wobei sein edler dunkler Anzug ihn deutlich erwachsener als meine Mitschüler wirken ließ. Außerdem hatte er bläuliche Flügel, was bedeutete, dass er dieses Tamtam im Gegensatz zu mir schon hinter sich hatte. Was wahrscheinlich auch sein freundliches und vor allem entspanntes Lächeln erklärte, wobei seine Mundwinkel immer wieder zuckten, während ich meinen Blick über seinen Körper wandern ließ.

Endlich konnte ich mich aus dem Starren reißen und hob betont unbeeindruckt die Schultern. »Teilweise. Aber eigentlich warte ich auf meine beste Freundin. Die ist immer noch nicht da«, erklärte ich. Irgendetwas an ihm gab mir das Gefühl, ihm vertrauen zu können. Keine Ahnung, ob es das Lächeln, die sanfte Stimme oder die entspannte Haltung war, aber ich fühlte mich jetzt schon deutlich ruhiger. »Und du? Wieso bist du nicht im Saal?«

Mein Vater hätte mich jetzt wahrscheinlich dafür gerügt, dass ich den jungen Mann nicht mit der Höflichkeitsform ansprach. Schließlich kannte ich ihn nicht. Doch er nahm es ganz gelassen.

»Zu viel Aufmerksamkeit für meine Person ist im Moment nicht die beste Idee«, erklärte er kryptisch. »Da bleibe ich lieber hier und warte, bis die Veranstaltung begonnen hat und keiner mehr auf mich achtet.«

Kurze Stille breitete sich zwischen uns aus, allerdings keine unangenehme. Stattdessen kam sie mir beruhigend vor. Wie eine Decke, die sich wärmend um mich schloss. Erneut atmete ich tief ein, was ihm natürlich nicht entging.

»So nervös?«

»Ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen«, murmelte ich und warf einen Blick auf die große Uhr, die an dem Turm gegenüber hing. Zehn Minuten gab ich Azalea noch. Wenn sie bis dahin nicht hier war, konnte ich nicht mehr warten. Laut der Einladung würde um drei Uhr das Königspaar eintreffen, und die Zeiger kamen diesem Punkt immer näher. »Zum Glück hast du das schon hinter dir.«

»Ach.« Er winkte ab. »So schlimm ist es nicht. Du wirst sehen. Dein Moment im Rampenlicht ist viel schneller vorbei, als du ahnst.«

»Das hat meine Schwester auch schon gesagt.« Bei dem Gedanken daran musste ich lachen. Ein freies Lachen, mit dem ich an diesem Tag nicht mehr gerechnet hatte. Zumindest nicht vor der Veranstaltung. »Vielleicht ist ja doch etwas dran.«

»Vertrau mir. Ich habe darin Erfahrung.«

Verwirrt legte ich den Kopf schief. »Inwiefern? Bereitest du die Tränke vor?«

Lachend schüttelte er den Kopf. »Nein, aber das ist nicht die erste Beflügelung, der ich beiwohne. Bisher waren alle gleich und selbst die, die ihren Moment im Rampenlicht auskosten wollten, hatten keine Chance dazu.«

Ein weiteres Mal betrachtete ich ihn genauer. Dass er einen Anzug anhatte, bedeutete, dass er kein Palastmitarbeiter war. Die trugen schließlich die grüne Uniform. Er musste also ein externes Mitglied sein. Aber wieso war er dann so oft hier? In der Schule hatte man uns nie erzählt, dass Elfen, die nicht zum Palast gehörten, regelmäßig an der Beflügelung teilnahmen.

»Was ist denn deine Funktion? Kannst du mich einfach durchschleusen, ohne dass jemand etwas mitbekommt?«

Wieder dieses warme Lachen, das die Kälte der Nervosität aus meinen Gliedern vertrieb. »Ich könnte schon, aber glaub mir, das willst du nicht. Außerdem wartet doch sicher deine Familie im Publikum und die wollen miterleben, wenn du deine Flügel erhältst.«

Damit hatte er leider recht. »Alle außer meinen Eltern und meine Schwester einschlafen zu lassen, ist auch keine Option, oder?«, hakte ich trotzdem hoffnungsvoll nach.

»Nein.« Ein Schmunzeln zierte sein Gesicht und ich spürte, dass meine Wangen warm wurden.

»Verdammt, ich …«

Cover Chroniken des Himmels 1 - Höllenflügel von Saskia Stanner

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