Leseprobe aus Ein Pfad aus Eis und Liebe
Verschaffe dir mit der Leseprobe von Ein Pfad aus Eis und Liebe – Rückkehr nach Frystandra einen Überblick, was dich in diesem Buch erwartet. Es handelt sich dabei um den Prolog.
Prolog
»Schneller!«
Mein Herz schlug mir bis zum Hals und das lange Ballkleid rutschte mir immer wieder aus den Händen, sodass ich mehrmals über den Saum stolperte. Allerdings kümmerte mich das in diesem Moment kaum. Ich beschwerte mich nicht über den schweren Stoff oder den ausladenden Reifrock. Stattdessen drehte ich mich fast sekündlich um, in der Erwartung, dass Rebellen hinter uns auftauchten. Aber noch war niemand zu sehen.
Was jedoch nicht bedeutete, dass wir langsamer werden durften. Der Palast war weitläufig. Hinter jeder Biegung konnte Gefahr lauern, weswegen ich bei allen Geräuschen zusammenzuckte. Dabei waren es nur die Laute unserer Schritte, die von den Wänden widerhallten. In diesem Moment konnte ich das jedoch nicht auseinanderhalten. Alle Geräusche verschwammen in meinem Kopf, bis ich nicht mehr unterscheiden konnte, was Wirklichkeit und Einbildung war.
An jeder Ecke wies meine Beschützerin Karen uns an, zurückzubleiben, während sie überprüfte, ob die Luft rein war. Diese Zeit nutzte ich, um zu Atem zu kommen. Der ging inzwischen rasselnd und bei jedem Luftholen kratzte es in meiner Kehle. Eigentlich hatte ich mich immer als sportlich bezeichnet, aber in diesem Monster aus Tüll war Rennen nicht angenehm.
Svea spitzte die Ohren und sträubte ihr Fell.
»Was hörst du?«, wollte ich von meiner Schneewölfin wissen, die nun auch schnüffelnd den Kopf in die Luft streckte. Das war kein gutes Zeichen, denn im Gegensatz zu mir bildete sie sich nichts ein.
Einen Moment blieb sie still, während nicht nur mein Blick, sondern auch die meiner Beschützer auf ihr lagen. »Kampfgeräusche. Hinter uns. Sie kommen näher. Wir müssen uns beeilen.«
Das musste sie uns nicht zweimal sagen. Wie an den letzten Gabelungen beschwor Matti eine Eiswand herauf. Sie würde unsere Gegner zwar nicht lang aufhalten, aber sie zumindest behindern. Besser als nichts war es definitiv.
An der nächsten Kurve kam ich ins Schlittern. Nicht nur meine Hände waren inzwischen schweißnass, sondern auch meine Füße. Perfekt für die Flucht auf glatten Eisflächen. In diesem Moment verfluchte ich mich dafür, dass ich meine hohen Schuhe im Zimmer der Schneiderin zurückgelassen hatte. Obwohl ich wusste, dass ich damit nicht mal ansatzweise so schnell laufen könnte.
Ich ruderte mit den Händen und versuchte mich abzufangen, aber der Boden kam viel zu schnell näher. Denk nach, Viola, benutz deine Kräfte!
Tja, wenn Denken so einfach wäre. Mein Kopf hatte seit der Verkündung meiner Beschützer, dass der Palast angegriffen wurde, auf Notbetrieb umgeschaltet. Nur das Überleben zählte. Dass meine Magie eine Hilfe sein könnte, war zweitrangig. Erst mal mussten wir außer Reichweite der Feinde kommen.
Zum Glück bekam Karen mich zu fassen, bevor ich auf dem Boden aufschlug. Dann deutete sie auf eine unscheinbare Tür am anderen Ende des Säulengangs. »Es ist nicht mehr weit, Viola. Das ist der sichere Ort, den wir mit deinem Vater abgesprochen haben.«
Das bezweifelte ich. Es behagte mir nicht, untätig zu warten, während die Wachen gegen die Eindringlinge kämpften. Ich wusste gar nicht, wie lang das dauern würde. Und wenn die Rebellen uns fanden, saßen wir in der Falle. Ein Schauder lief mir über den Rücken. Das wollte ich mir gar nicht vorstellen, denn ich wusste genau, was es bedeuten würde: meinen Tod.
Aber da der König den Befehl zur Flucht gegeben hatte, durften wir uns nicht widersetzen. Selbst ich als seine Tochter hatte nicht das Recht dazu.
Je näher wir der Tür kamen, desto größer wurde der Knoten in meinem Magen. Meine Knie zitterten und ich hatte das Gefühl, zur Hinrichtung geführt zu werden statt in Sicherheit.
»Gibt es keine andere Möglichkeit?« Diese Frage hatte ich heute schon einmal gestellt. Eigentlich erwartete ich keine neue Antwort. Aber einen Versuch war es trotzdem wert.
Meine Beschützer schüttelten den Kopf. Bevor sie jedoch etwas sagen konnten, begann Svea zu knurren.
Mein Herz setzte einen Schlag aus und Matti schob sich sofort vor mich. Hinter einer Säule trat ein fremder Mann hervor und blieb nicht allein. Immer mehr Personen lösten sich aus den Schatten der massiven Pfeiler.
All die Panik, die sich zuvor in meinem Körper breitgemacht hatte, vervielfachte sich nun. Das Atmen fiel mir schwer und ich wich unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Wieso waren sie uns nicht aufgefallen? Karen war doch sonst immer gewissenhaft bei ihren Beobachtungen.
Die Magie kribbelte in meinen Adern. Wie ein durchgehendes Stechen wanderte sie meinen ganzen Körper entlang in meine Hände. Kleine weiße Funken stoben von meinen Fingern weg und bevor ich darüber nachdenken konnte, beschwor ich einen Schneesturm herauf. Immer schneller wirbelten die Flocken um uns herum und blockierten die Sicht der Rebellen. Wir befanden uns im Auge einer Windhose, in der wir erst mal sicher waren.
Matti und Karen tauschten lange Blicke. Das taten sie oft, aber obwohl sie seit vielen Jahren in meinem Dienst standen, scheiterte ich immer noch daran, diese stummen Gespräche zu entschlüsseln.
»Viola, lass den Sturm fallen!«, wies Matti mich an. Er musste schreien, um das Heulen der Luft zu übertönen.
In diesem Moment spürte ich den ersten Aufprall. Irgendetwas war gegen meinen Schutzwall geflogen. Ich stolperte einige Schritte zurück. »Auf keinen Fall!« Den Angriff mussten sie auch bemerkt haben. Ohne meinen Schneesturm wären wir den Eisspitzen und weiteren Geschossen schutzlos ausgeliefert.
Karen griff nach meiner Hand. »Vertrau uns, Viola. Wir haben einen Plan.«
Ein Teil von mir schrie laut Nein. Es war zu gefährlich. Gleichzeitig wusste ich, dass ich den Sturm nicht lang aufrechterhalten könnte. Jeder Einschlag ließ mich taumeln und für einen Moment die Konzentration und Kontrolle über meine Macht verlieren. Nicht mehr lang und ich würde unter dieser Last zusammenbrechen.
»Was habt ihr vor?«
Mattis Blick durchbohrte mich, während Karen mich wieder stabilisierte. »Lauf zur Tür, sobald der Sturm abebbt. Wir schirmen dich ab. Bleib auf keinen Fall stehen. Verstanden, Prinzessin?«
Ich nickte.
Ein letztes Mal sammelte ich meine Kräfte. Versuchte, jede Flocke in meinem Sturm zu erfassen, wie es mir meine Lehrerin erklärt hatte. Dann streckte ich die Hände aus und schickte alle Magie in meinem Körper nach außen.
Der Sturm löste sich auf, stattdessen schleuderte ich eine Druckwelle gegen die Angreifer. Einige blieben standhaft, aber die meisten gingen zu Boden.
»Lauf!«
Das musste Matti mir nicht zweimal sagen. Gemeinsam mit Svea drehte ich mich um und rannte zur Tür. Wir mussten die Angriffspause ausnutzen.
Doch diese Ruhe hielt nicht lang an. Ich erreichte gerade die Tür, als eine Schneekugel haarscharf an meiner Schulter vorbeiflog. Nur wenige Zentimeter weiter rechts und sie hätte mich getroffen. Stattdessen prangte auf der Tür ein weißer Fleck, der mir ihre Größe anzeigte. Das hätte mich mindestens in Ohnmacht versetzt. Wieder lief mir ein Schauder über den Rücken, als mir klar wurde, wie nah ich meinem Todesurteil war.
Schreie drangen zu mir durch. Ich durfte mich nicht umdrehen. Aber ich konnte meine Beschützer nicht zurücklassen.
Schnell drückte ich den Türgriff hinunter und wandte mich dem Geschehen hinter mir zu. Matti und Karen gaben ihr Bestes, aber sie wurden zunehmend zurückgedrängt. Zumindest standen sie noch sicher auf den Beinen und taumelten nicht, wie ich es nach ein paar Einschlägen getan hätte.
»Viola.« Svea fauchte mich an und versuchte mich mit der Schnauze in den Raum zu drücken.
In diesem Moment drehte Matti sich um. In seinen Augen glitzerte Wut, weil ich mich nicht an seine Anweisung hielt. Wenn wir lebend hier rauskamen, würde er mich richtig zusammenstauchen. Da war ich mir sicher.
Während Karen weitere Schneebälle abwehrte, rannte Matti zu mir und schob mich durch die Tür, die hinter uns ins Schloss knallte. Hatten wir Karen ausgesperrt und ihrem Schicksal überlassen?
Entsetzen traf mich wie eine Ladung kaltes Wasser. Ich versuchte, mich zu wehren, um ihr zu Hilfe zu eilen. Doch Matti war zu stark für mich. »Meine Güte, Viola, kannst du nicht einmal auf mich hören?«, fragte er fluchend.
Meine Antwort blieb mir im Hals stecken, als ich endlich den Anblick des Zimmers wahrnahm. Vor uns befand sich ein großes Tor. Licht drang in allen Farben daraus hervor und spiegelte sich an den Wänden.
»Was ist das?«, flüsterte ich atemlos.
»Unsere Rettung«, erklärte Matti trocken und stieß mich direkt in den Schein hinein.
Die Strahlen blendeten mich und ich hielt mir die Hand vor die Augen. Um mich herum war nur Licht. Jede Farbe flirrte in stetiger Bewegung. »Svea? Matti? Karen?«
Wo befand ich mich? Was war das für ein Ort?
Zeitgleich erschienen sie neben mir. »Lauf weiter!« Matti griff nach meiner Hand und zog mich tiefer in den hellen Gang hinein.
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Zurück konnte ich nicht, dort warteten die Rebellen. Wenn das ein Geheimgang war, brachte er uns womöglich auf die andere Seite des Palasts oder sogar nach draußen. Matti hatte gesagt, er wäre unsere Rettung.
Plötzlich ertönte ein lauter Knall, gleich einer Explosion, und die Wände begannen zu wackeln. Ich erstarrte. Waren das die Rebellen gewesen? Folgten sie uns?
Die Welt um uns herum wurde stockfinster. Nicht mal meine eigene Hand sah ich vor Augen. Dann löste sich der Boden unter uns auf und wir fielen.
Mein Magen drehte sich mehrmals und ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen. Ohne Orientierung schien der Fall ewig anzudauern. Kein Lüftchen drang zu mir durch, als befände ich mich im Nichts. War ich tot? Ich spürte mein klopfendes Herz und hörte deutlich meinen Puls in meinen Ohren.
So schnell, wie die Dunkelheit gekommen war, verflüchtigte sie sich. Kurz konnte ich den farbenfrohen Himmel bestaunen, dann knallte ich auf den Boden.
Um mich herum war alles mit Schnee bedeckt. Während ich versuchte, mich mit meinem schmerzenden Rücken aufzurichten, blickte ich mich um. Der Palast war nirgends zu sehen. Auch meine Begleiter konnte ich nicht entdecken.
Ich hielt mir die Hand an den dröhnenden Kopf. Wo war ich? Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen, um den Schmerz auszublenden. Aber das durfte ich nicht. Erst musste ich mich in Sicherheit bringen. Egal, wie weit ich vom Palast entfernt war, Rebellen gab es in Frystandra überall.
Fieberhaft suchte ich nach etwas, was mir bekannt vorkam. Eine Landmarke, die mir mein Lehrer gezeigt hatte. Allerdings war ich nur von Schnee und Eis umgeben. Keine Bäume, keine Häuser und auch keine Berge. Wo war ich?
Oh, Morita, hilf … Ich stockte. Wo sonst die beiden Monde unserer Götter über mir schwebten, war nur eine weiße Kugel zu sehen. Meine Hand sank von meiner Brust nach unten, während sich darin ein unangenehmes Ziehen ausbreitete.
Ein Mond verschwand nicht so einfach. Außerdem hatte ich doch beide am Himmel gesehen, als ich bei der Schneiderin aus dem Fenster geblickt hatte.
Auf einmal sprang mich ein weißes Fellknäuel an.
»Svea!« Mir fielen tausend Steine vom Herzen, während ich sie an mich drückte, um mich zu versichern, dass das keine Fata Morgana war. Tränen sammelten sich in meinen Augen und leise Schluchzer entfuhren mir. Wenigstens war ich nicht mehr allein in dieser unbekannten Gegend.
In dem Moment stießen meine Beschützer zu uns. »Gott sei Dank, dir geht es gut. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.« Karen zog mich in ihre Arme. Sie war immer diejenige gewesen, die eine familiäre Bindung zu mir aufgebaut hatte.
Die Falten auf Mattis Stirn bereiteten mir ernsthafte Sorgen. Auch er betrachtete unsere Umgebung genauer und rieb sich immer wieder übers Kinn. Sah er dasselbe wie ich, diesen unbekannten Ort?
»Wo sind wir?« In meinem Innersten wusste ich, dass mir die Antwort nicht gefallen würde. Meine Eingeweide zogen sich zusammen und ich wappnete mich für das Schlimmste.
»In der Menschenwelt«, antwortete er trocken, keine Emotionen in der Stimme.
»Und wie kommen wir zum Palast?«
Die Stille, die darauf folgte, bestätigte meine Vermutung. Egal, was er sagen würde, es wäre keine gute Nachricht.
»Ich weiß es nicht. Das Portal nach Frystandra wurde zerstört.«

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