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Leseprobe – Ein Pfad aus Eis und Liebe

Prolog

»Schneller!«

Mein Herz schlug mir bis zum Hals und das lange Ballkleid rutschte mir immer wieder aus den Händen, sodass ich mehrmals über den Saum stolperte. Allerdings kümmerte mich das in diesem Moment kaum. Ich beschwerte mich nicht über den schweren Stoff oder den ausladenden Reifrock. Stattdessen drehte ich mich fast sekündlich um, in der Erwartung, dass Rebellen hinter uns auftauchten. Aber noch war niemand zu sehen.

Was jedoch nicht bedeutete, dass wir langsamer werden durften. Der Palast war weitläufig. Hinter jeder Biegung konnte Gefahr lauern, weswegen ich bei allen Geräuschen zusammenzuckte. Dabei waren es nur die Laute unserer Schritte, die von den Wänden widerhallten. In diesem Moment konnte ich das jedoch nicht auseinanderhalten. Alle Geräusche verschwammen in meinem Kopf, bis ich nicht mehr unterscheiden konnte, was Wirklichkeit und Einbildung war.

An jeder Ecke wies meine Beschützerin Karen uns an, zurückzubleiben, während sie überprüfte, ob die Luft rein war. Diese Zeit nutzte ich, um zu Atem zu kommen. Der ging inzwischen rasselnd und bei jedem Luftholen kratzte es in meiner Kehle. Eigentlich hatte ich mich immer als sportlich bezeichnet, aber in diesem Monster aus Tüll war Rennen nicht angenehm.

Svea spitzte die Ohren und sträubte ihr Fell.

»Was hörst du?«, wollte ich von meiner Schneewölfin wissen, die nun auch schnüffelnd den Kopf in die Luft streckte. Das war kein gutes Zeichen, denn im Gegensatz zu mir bildete sie sich nichts ein.

Einen Moment blieb sie still, während nicht nur mein Blick, sondern auch die meiner Beschützer auf ihr lagen. »Kampfgeräusche. Hinter uns. Sie kommen näher. Wir müssen uns beeilen.«

Das musste sie uns nicht zweimal sagen. Wie an den letzten Gabelungen beschwor Matti eine Eiswand herauf. Sie würde unsere Gegner zwar nicht lang aufhalten, aber sie zumindest behindern. Besser als nichts war es definitiv.

An der nächsten Kurve kam ich ins Schlittern. Nicht nur meine Hände waren inzwischen schweißnass, sondern auch meine Füße. Perfekt für die Flucht auf glatten Eisflächen. In diesem Moment verfluchte ich mich dafür, dass ich meine hohen Schuhe im Zimmer der Schneiderin zurückgelassen hatte. Obwohl ich wusste, dass ich damit nicht mal ansatzweise so schnell laufen könnte.

Ich ruderte mit den Händen und versuchte mich abzufangen, aber der Boden kam viel zu schnell näher. Denk nach, Viola, benutz deine Kräfte!

Tja, wenn Denken so einfach wäre. Mein Kopf hatte seit der Verkündung meiner Beschützer, dass der Palast angegriffen wurde, auf Notbetrieb umgeschaltet. Nur das Überleben zählte. Dass meine Magie eine Hilfe sein könnte, war zweitrangig. Erst mal mussten wir außer Reichweite der Feinde kommen.

Zum Glück bekam Karen mich zu fassen, bevor ich auf dem Boden aufschlug. Dann deutete sie auf eine unscheinbare Tür am anderen Ende des Säulengangs. »Es ist nicht mehr weit, Viola. Das ist der sichere Ort, den wir mit deinem Vater abgesprochen haben.«

Das bezweifelte ich. Es behagte mir nicht, untätig zu warten, während die Wachen gegen die Eindringlinge kämpften. Ich wusste gar nicht, wie lang das dauern würde. Und wenn die Rebellen uns fanden, saßen wir in der Falle. Ein Schauder lief mir über den Rücken. Das wollte ich mir gar nicht vorstellen, denn ich wusste genau, was es bedeuten würde: meinen Tod.

Aber da der König den Befehl zur Flucht gegeben hatte, durften wir uns nicht widersetzen. Selbst ich als seine Tochter hatte nicht das Recht dazu.

Je näher wir der Tür kamen, desto größer wurde der Knoten in meinem Magen. Meine Knie zitterten und ich hatte das Gefühl, zur Hinrichtung geführt zu werden statt in Sicherheit.

»Gibt es keine andere Möglichkeit?« Diese Frage hatte ich heute schon einmal gestellt. Eigentlich erwartete ich keine neue Antwort. Aber einen Versuch war es trotzdem wert.

Meine Beschützer schüttelten den Kopf. Bevor sie jedoch etwas sagen konnten, begann Svea zu knurren.

Mein Herz setzte einen Schlag aus und Matti schob sich sofort vor mich. Hinter einer Säule trat ein fremder Mann hervor und blieb nicht allein. Immer mehr Personen lösten sich aus den Schatten der massiven Pfeiler.

All die Panik, die sich zuvor in meinem Körper breitgemacht hatte, vervielfachte sich nun. Das Atmen fiel mir schwer und ich wich unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Wieso waren sie uns nicht aufgefallen? Karen war doch sonst immer gewissenhaft bei ihren Beobachtungen.

Die Magie kribbelte in meinen Adern. Wie ein durchgehendes Stechen wanderte sie meinen ganzen Körper entlang in meine Hände. Kleine weiße Funken stoben von meinen Fingern weg und bevor ich darüber nachdenken konnte, beschwor ich einen Schneesturm herauf. Immer schneller wirbelten die Flocken um uns herum und blockierten die Sicht der Rebellen. Wir befanden uns im Auge einer Windhose, in der wir erst mal sicher waren.

Matti und Karen tauschten lange Blicke. Das taten sie oft, aber obwohl sie seit vielen Jahren in meinem Dienst standen, scheiterte ich immer noch daran, diese stummen Gespräche zu entschlüsseln.

»Viola, lass den Sturm fallen!«, wies Matti mich an. Er musste schreien, um das Heulen der Luft zu übertönen.

In diesem Moment spürte ich den ersten Aufprall. Irgendetwas war gegen meinen Schutzwall geflogen. Ich stolperte einige Schritte zurück. »Auf keinen Fall!« Den Angriff mussten sie auch bemerkt haben. Ohne meinen Schneesturm wären wir den Eisspitzen und weiteren Geschossen schutzlos ausgeliefert.

Karen griff nach meiner Hand. »Vertrau uns, Viola. Wir haben einen Plan.«

Ein Teil von mir schrie laut Nein. Es war zu gefährlich. Gleichzeitig wusste ich, dass ich den Sturm nicht lang aufrechterhalten könnte. Jeder Einschlag ließ mich taumeln und für einen Moment die Konzentration und Kontrolle über meine Macht verlieren. Nicht mehr lang und ich würde unter dieser Last zusammenbrechen.

»Was habt ihr vor?«

Mattis Blick durchbohrte mich, während Karen mich wieder stabilisierte. »Lauf zur Tür, sobald der Sturm abebbt. Wir schirmen dich ab. Bleib auf keinen Fall stehen. Verstanden, Prinzessin?«

Ich nickte.

Ein letztes Mal sammelte ich meine Kräfte. Versuchte, jede Flocke in meinem Sturm zu erfassen, wie es mir meine Lehrerin erklärt hatte. Dann streckte ich die Hände aus und schickte alle Magie in meinem Körper nach außen.

Der Sturm löste sich auf, stattdessen schleuderte ich eine Druckwelle gegen die Angreifer. Einige blieben standhaft, aber die meisten gingen zu Boden.

»Lauf!«

Das musste Matti mir nicht zweimal sagen. Gemeinsam mit Svea drehte ich mich um und rannte zur Tür. Wir mussten die Angriffspause ausnutzen.

Doch diese Ruhe hielt nicht lang an. Ich erreichte gerade die Tür, als eine Schneekugel haarscharf an meiner Schulter vorbeiflog. Nur wenige Zentimeter weiter rechts und sie hätte mich getroffen. Stattdessen prangte auf der Tür ein weißer Fleck, der mir ihre Größe anzeigte. Das hätte mich mindestens in Ohnmacht versetzt. Wieder lief mir ein Schauder über den Rücken, als mir klar wurde, wie nah ich meinem Todesurteil war.

Schreie drangen zu mir durch. Ich durfte mich nicht umdrehen. Aber ich konnte meine Beschützer nicht zurücklassen.

Schnell drückte ich den Türgriff hinunter und wandte mich dem Geschehen hinter mir zu. Matti und Karen gaben ihr Bestes, aber sie wurden zunehmend zurückgedrängt. Zumindest standen sie noch sicher auf den Beinen und taumelten nicht, wie ich es nach ein paar Einschlägen getan hätte.

»Viola.« Svea fauchte mich an und versuchte mich mit der Schnauze in den Raum zu drücken.

In diesem Moment drehte Matti sich um. In seinen Augen glitzerte Wut, weil ich mich nicht an seine Anweisung hielt. Wenn wir lebend hier rauskamen, würde er mich richtig zusammenstauchen. Da war ich mir sicher.

Während Karen weitere Schneebälle abwehrte, rannte Matti zu mir und schob mich durch die Tür, die hinter uns ins Schloss knallte. Hatten wir Karen ausgesperrt und ihrem Schicksal überlassen?

Entsetzen traf mich wie eine Ladung kaltes Wasser. Ich versuchte, mich zu wehren, um ihr zu Hilfe zu eilen. Doch Matti war zu stark für mich. »Meine Güte, Viola, kannst du nicht einmal auf mich hören?«, fragte er fluchend.

Meine Antwort blieb mir im Hals stecken, als ich endlich den Anblick des Zimmers wahrnahm. Vor uns befand sich ein großes Tor. Licht drang in allen Farben daraus hervor und spiegelte sich an den Wänden.

»Was ist das?«, flüsterte ich atemlos.

»Unsere Rettung«, erklärte Matti trocken und stieß mich direkt in den Schein hinein.

Die Strahlen blendeten mich und ich hielt mir die Hand vor die Augen. Um mich herum war nur Licht. Jede Farbe flirrte in stetiger Bewegung. »Svea? Matti? Karen?«

Wo befand ich mich? Was war das für ein Ort?

Zeitgleich erschienen sie neben mir. »Lauf weiter!« Matti griff nach meiner Hand und zog mich tiefer in den hellen Gang hinein.

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Zurück konnte ich nicht, dort warteten die Rebellen. Wenn das ein Geheimgang war, brachte er uns womöglich auf die andere Seite des Palasts oder sogar nach draußen. Matti hatte gesagt, er wäre unsere Rettung.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall, gleich einer Explosion, und die Wände begannen zu wackeln. Ich erstarrte. Waren das die Rebellen gewesen? Folgten sie uns?

Die Welt um uns herum wurde stockfinster. Nicht mal meine eigene Hand sah ich vor Augen. Dann löste sich der Boden unter uns auf und wir fielen.

Mein Magen drehte sich mehrmals und ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen. Ohne Orientierung schien der Fall ewig anzudauern. Kein Lüftchen drang zu mir durch, als befände ich mich im Nichts. War ich tot? Ich spürte mein klopfendes Herz und hörte deutlich meinen Puls in meinen Ohren.

So schnell, wie die Dunkelheit gekommen war, verflüchtigte sie sich. Kurz konnte ich den farbenfrohen Himmel bestaunen, dann knallte ich auf den Boden.

Um mich herum war alles mit Schnee bedeckt. Während ich versuchte, mich mit meinem schmerzenden Rücken aufzurichten, blickte ich mich um. Der Palast war nirgends zu sehen. Auch meine Begleiter konnte ich nicht entdecken.

Ich hielt mir die Hand an den dröhnenden Kopf. Wo war ich? Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen, um den Schmerz auszublenden. Aber das durfte ich nicht. Erst musste ich mich in Sicherheit bringen. Egal, wie weit ich vom Palast entfernt war, Rebellen gab es in Frystandra überall.

Fieberhaft suchte ich nach etwas, was mir bekannt vorkam. Eine Landmarke, die mir mein Lehrer gezeigt hatte. Allerdings war ich nur von Schnee und Eis umgeben. Keine Bäume, keine Häuser und auch keine Berge. Wo war ich?

Oh, Morita, hilf … Ich stockte. Wo sonst die beiden Monde unserer Götter über mir schwebten, war nur eine weiße Kugel zu sehen. Meine Hand sank von meiner Brust nach unten, während sich darin ein unangenehmes Ziehen ausbreitete.

Ein Mond verschwand nicht so einfach. Außerdem hatte ich doch beide am Himmel gesehen, als ich bei der Schneiderin aus dem Fenster geblickt hatte.

Auf einmal sprang mich ein weißes Fellknäuel an.

»Svea!« Mir fielen tausend Steine vom Herzen, während ich sie an mich drückte, um mich zu versichern, dass das keine Fata Morgana war. Tränen sammelten sich in meinen Augen und leise Schluchzer entfuhren mir. Wenigstens war ich nicht mehr allein in dieser unbekannten Gegend.

In dem Moment stießen meine Beschützer zu uns. »Gott sei Dank, dir geht es gut. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.« Karen zog mich in ihre Arme. Sie war immer diejenige gewesen, die eine familiäre Bindung zu mir aufgebaut hatte.

Die Falten auf Mattis Stirn bereiteten mir ernsthafte Sorgen. Auch er betrachtete unsere Umgebung genauer und rieb sich immer wieder übers Kinn. Sah er dasselbe wie ich, diesen unbekannten Ort?

»Wo sind wir?« In meinem Innersten wusste ich, dass mir die Antwort nicht gefallen würde. Meine Eingeweide zogen sich zusammen und ich wappnete mich für das Schlimmste.

»In der Menschenwelt«, antwortete er trocken, keine Emotionen in der Stimme.

»Und wie kommen wir zum Palast?«

Die Stille, die darauf folgte, bestätigte meine Vermutung. Egal, was er sagen würde, es wäre keine gute Nachricht.

»Ich weiß es nicht. Das Portal nach Frystandra wurde zerstört.«

Kapitel 1

Es muss doch einen anderen Eingang geben. Für die Anlieferung der Skripte oder ähnliches.

Fieberhaft starrte ich den Haupteingang des Nationalarchivs an. Als würde sich mir allein dadurch plötzlich eine neue Tür offenbaren. Gerade hatte ich versucht, auf legalem Weg an die vollständige Version eines Regierungsdokuments zu kommen. Die Variante, die ich nach meiner Anfrage erhalten hatte, war so geschwärzt gewesen, dass ich keine Zusammenhänge hatte erkennen können, was der Sinn der Sache war, aber mich nicht weiterbrachte. Trotzdem war es mir eine größere Hilfe gewesen als die Frau am Empfang. Mehr als das geschwärzte Schriftstück würde ich nicht erhalten. Schließlich ginge es um die Staatssicherheit, war die niederschmetternde Antwort gewesen, und daran hatte auch kein Flehen etwas geändert.

Am liebsten hätte ich ihr gezeigt, was ich von ihrer Staatssicherheit hielt, konnte mich jedoch zurückhalten. Kein Aufsehen erregen. Nur weil ich in einer anderen Welt die Kronprinzessin war, bedeutete das nicht, dass ich auf der Erde wie eine behandelt wurde. Eine Erfahrung, die ich im Laufe des letzten Jahres schmerzhaft hatte machen müssen.

In meinen Fingern kribbelte die Energie meiner Fähigkeiten. Ich atmete tief ein. Beruhige dich, Viola. Lass nicht zu, dass du die Kontrolle verlierst. Auf keinen Fall durfte ich riskieren, dass eine unüberlegte Offenbarung meiner Magie mich in Schwierigkeiten brachte oder Menschen in meinem Umfeld verletzte. Zu gut war mir noch die Vorlesung über die Hexenverfolgungen in Norwegen im Kopf. Zwar waren seitdem über 400 Jahre vergangen, aber ich konnte nie wissen – und auf einem Scheiterhaufen wollte ich nicht verbrennen.

Wenn ich nicht auf dem offiziellen Weg an das Dokument kam, musste ich es eben auf andere Art und Weise besorgen. In einer Filmreihe, die meine Mitbewohnerin mit mir angesehen hatte, sahen Einbrüche immer so leicht aus. Schnell rein und wieder raus. Das musste ich hinbekommen. Schließlich besaß ich Magie.

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, während ich das Gebäude umrundete. Gleichzeitig breitete sich Adrenalin in meinen Adern aus. Ich fühlte mich wie aufgeladen. Jedes Geräusch kam mir lauter vor, jedes kleinste Detail nahm ich wahr. Als hätte ich die Welt bisher nur verschwommen gesehen und plötzlich eine Brille aufgesetzt.

Immer weiter entfernte ich mich vom Haupteingang. Dabei versuchte ich so unauffällig wie möglich zu wirken. Ich wollte nicht, dass sich mögliche Zeugen sofort an die komische Frau erinnerten, die um das Nationalarchiv herumgeschlichen war.

Willst du wirklich einbrechen, Viola?

Leicht anklagend und vor allem besorgt, erinnerte mich die Stimme in meinem Kopf an Svea. Ich wusste, dass sie von meinen Plänen nichts halten würde. Da stand sie auf derselben Seite wie meine Beschützer. Lieber unerkannt bleiben und nichts unternehmen, das im schlimmsten Fall die Polizei auf den Plan rief. Da könnte ich mich nicht mit meinem Titel aus der Situation winden. Zwar hatte ich in dieser Welt keine abgehackte Hand zu befürchten, aber jegliche Art von Strafe wäre zu viel.

Kurz spielte ich mit dem Gedanken, meinen Einbruch zu verschieben. Diese Überlegung verwarf ich jedoch schnell wieder. Nachts wären die Alarmanlagen auf jeden Fall eingeschaltet, und obwohl ich mich einigermaßen an die Technik der Menschen gewöhnt hatte, fehlte mir das tiefere Verständnis. Ich war schon froh, dass ich wusste, wie ich ein Handy bediente und wie die Touchscreens an Automaten funktionierten. Nein, eine Alarmanlage wäre der große Endgegner, den ich nicht mal mit meiner Magie außer Kraft setzen könnte.

Aber Aufgeben kam nicht in Frage. Dieses Dokument könnte der Schlüssel zu meiner Rückkehr sein. Ich musste es in die Hände bekommen und das gelang mir nur, wenn ich einen anderen Eingang entdeckte.

In diesem Moment fiel mein Blick auf ein Fahrzeug, das in die Seitengasse hinter dem Nationalarchiv einbog. Eigentlich nichts Besonderes, aber das Auto blieb so stehen, dass ich die Rückseite im Blick behalten konnte. Nur wenig später traten zwei Männer in mein Sichtfeld und öffneten die Türen des Transporters. Sie holten mehrere massive, silberne Aktenkoffer heraus.

Das mussten neue Dokumente sein. Oder zumindest eine Sendung für das Nationalarchiv. Ein kurzer Blick auf die Umgebung bestätigte meine Vermutung. Wohngebäude und Restaurants waren für solche Lieferungen selten die richtige Adresse.

Langsam zog ich mich in einen Hauseingang zurück. Vorsichtig beschwor ich, einigermaßen vor den Menschen verborgen, einen Schneesturm herauf. Eine optische Illusion, die mich vor menschlichen Augen abschirmen würde, leicht genug, dass niemand die einzelnen Schneeflocken wahrnehmen würde.

Es war immer ein Risiko, meine Kräfte im Beisein anderer Personen einzusetzen. Deswegen hatte ich das zurückgeschraubt. Noch immer fehlte mir in emotionalen Situationen das letzte Quäntchen Kontrolle. Dass ich meine Magie jetzt einsetzte, zeigte, wie ernst es mir war.

Trotz meiner Tarnung folgte ich den Männern mit ausreichend Abstand. Nur weil sie mich nicht mit bloßen Augen entdecken konnten, bedeutete das nicht, dass sie die Schneeflocken nicht wahrnahmen. Wenn ich ihnen zu nah kam, könnten sie sie spüren und das wollte ich tunlichst vermeiden.

In meinem Hals bildete sich ein fester Knoten, der mich schwer schlucken ließ. Gleichzeitig versuchte ich, aktiv zu atmen. Die Bewegung des Luftzugs genau zu verfolgen und mich damit in meinen Körper einzufühlen. Je ruhiger meine Atmung, desto besser die Kontrolle über meine Fähigkeiten.

Sie blieben vor einer unscheinbaren Tür stehen und drückten auf einen Knopf daneben. Kurz überschlug ich die Größe und den Grundriss des Nationalarchivs in meinem Kopf. Ja, dieser Teil musste dazugehören. Ich war auf dem richtigen Weg. Dieser Gedanke zauberte mir ein kurzes Lächeln aufs Gesicht, bevor ich wieder ernst wurde.

Ein junger Mann trat zu den Lieferanten und nahm mit einem seriösen Gesichtsausdruck die Aktenkoffer entgegen. Sein Blick glitt über die Umgebung und blieb für einen kurzen Moment an mir hängen. Er grub sich in mich und mein Herz setzte aus. Sah er mich? Hatte er etwas bemerkt? War ich unvorsichtig gewesen?

Der Puls dröhnte in meinen Ohren, während ich überprüfte, ob jede Stelle meines Körpers von Schneeflocken verdeckt war. Gleichzeitig musste ich meine Kräfte einfangen, die wieder zu pulsieren begannen. Er kann nichts sehen. Auf keinen Fall. Um etwas zu erkennen, müsste er näher bei mir stehen. Mehrmals versicherte ich mir das, erfolgreich war ich jedoch nicht.

Wieso sah er immer wieder in meine Richtung, obwohl er mit den Männern sprach? Wenn er aus meiner Welt käme, wüsste er, worauf er achten musste. In Momenten wie diesem verfluchte ich, dass es zwischen gewöhnlichen Menschen und Frystandrern keine äußerlichen Unterschiede gab. Helle Haut besaßen die Einwohner hier auch und sonst gab es nichts, was uns von diesem Teil der Erde abhob.

Trotzdem betrachtete ich ihn genauer. Seine dunkelbraunen Haare wirkten fast schwarz. Seine Wangen waren von einem leichten Dreitagebart bedeckt, der sein Gesicht weniger kantig wirken ließ. Schlussendlich blieb mein Blick aber an den stechend blauen Augen hängen, deren Farbe mich an einen klaren Nachthimmel erinnerte.

Viola, konzentrier dich auf deine Mission!

Schnell schüttelte ich den Kopf, um meine Gedanken zu sortieren und die Lage logisch zu betrachten. Mich einfach an ihnen vorbeizuschleichen, war nicht möglich. Keiner bewegte sich und sie standen so dicht vor der Tür, dass ich selbst eine Schneeflocke sein müsste, um unentdeckt in das Gebäude zu kommen.

Blieb nur die Möglichkeit, die Tür zu blockieren. Ich könnte den Schnapper einfrieren oder mit einem Eispflock die Tür einen kleinen Spalt offen halten. Beides hatte seine Vor- und Nachteile. Bei dem Schnapper bestand die Gefahr, dass ich ihn nicht schnell genug einfror. Dafür wäre das im Gegensatz zur zweiten Variante unsichtbar. Eine leicht geöffnete Tür könnte Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Lieber der Schnapper.

Sobald der Mann mit den blauen Augen den Türgriff nach unten drückte, blieben mir nur wenige Sekunden, um die Position einzufrieren. Aber ich würde das schaffen. Wenn ich fest an meine Fähigkeiten glaubte, durfte es kein Problem sein. Einen leblosen Gegenstand einzufrieren, war schließlich eine Übung, die schon Kinder in Frystandra lernten. Diesen Zauber hatte ich so oft durchgeführt, den könnte ich im Schlaf. Trotzdem ging ich in meinem Kopf die Erklärung meiner Lehrerin durch. Achte auf alle Kleinigkeiten. Du darfst nichts übersehen, aber es darf auch kein zu großer Eisblock werden. Je besser du den Gegenstand im Kopf hast, desto einfacher wird es für dich.

Hoffentlich sah der Schnapper genauso aus, wie ich ihn mir vorstellte. Sonst hätte ich ein Problem.

Dann war es so weit. Die Männer verabschiedeten sich und der Mitarbeiter des Nationalarchivs begann, die Tür zuzuziehen. Wie gebannt starrte ich auf das kleine Element, das immer noch hervorstand. Es verschwand nicht. Er tat nicht, was ich erwartet hatte. Wieso drückte er die Klinke nicht hinunter? Das war doch eine ganz normale Bewegung.

Ein Kloß im Hals erschwerte mir das Schlucken und meine Hände begannen zu schwitzen. Er musste die Klinke drücken, aber jede Sekunde, die bis dahin verging, verkürzte meine Zeit, den Schnapper einzufrieren.

Endlich betätigte er den Türgriff. Die Tür war weniger als einen Zentimeter weit geöffnet. Sofort fokussierte ich meinen Blick auf das kleine Element, das quälend langsam verschwand. Nichts durfte schieflaufen.

Kälte prickelte in meinen Fingerspitzen, von denen aus ich die Magie in Richtung Tür sandte. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie sich Kristalle am Schnapper bildeten und immer größer wurden. Verbindungen zwischen den einzelnen Atomen herzustellen, war mir nie schwergefallen. Als würde ich Fäden mit Knoten verknüpfen. Sobald ich wusste, wie ich die Fäden in die Hand nahm, war es ein Kinderspiel.

Die Tür fiel zu und die Männer fuhren wieder. Mein Herz klopfte doppelt so schnell und ich traute mich nicht, meinen Schneesturm zu lösen. Hatte es geklappt? Erst wenn ich versuchte, die Tür zu öffnen, würde ich es wissen. Und selbst dann könnte ich noch von einer Alarmanlage überrascht werden.

Zur Sicherheit wartete ich ein paar Minuten ab. Schließlich wollte ich dem Mitarbeiter nicht sofort in die Arme laufen.

Meine Hand zitterte, als ich sie auf den Türgriff legte. In meinem Magen rumorte es und ich fühlte mich, als müsste ich mich gleich übergeben.

Ganz ruhig, Viola. Nur keine Panik.

Das war leichter gesagt als getan. Ich versuchte, mich mit gezielten Atemzügen zu beruhigen. Das Gefühl in meinem Bauch ließ sich damit trotzdem nicht vertreiben. Es blieb weiterhin wie ein fester Klumpen bestehen, der so wehtat, dass ich mich fast krümmte.

Langsam betätigte ich die Klinke und in diesem Moment fiel mir eine Wagenladung Steine vom Herzen. Es hatte geklappt. Die Tür ließ sich problemlos und vor allem lautlos öffnen.

Während ich durch die Gänge schlich, fühlte ich mich an unsere Flucht aus dem Palast erinnert. Ohne das Rennen, aber mit den gleichen nervösen Blicken an jeder Ecke. Bei jedem Geräusch zuckte ich zusammen. Nur um mich eine Sekunde später zu erinnern, dass ich unsichtbar war und man den Schneewirbel um mich herum nur bei sehr genauem Hinsehen entdecken konnte.

Einige Schritte später breitete sich vor mir ein riesiger Saal mit hohen Regalen aus. Das Herz des Archivs. Hier befand sich mein Dokument. Fragte sich nur, wo.

In meinem Kopf blinkte die Nummer des Dokuments auf und ich trat in den ersten Gang zwischen den Regalen. Anders als in unserer Universitätsbibliothek, befanden sich hier keine Beschriftungen, die erklärten, welche Werke in den Fächern steckten. Ich musste auf gut Glück Mappen herausziehen und hoffen, dass es ein verständliches System gab.

Außerdem hatte ich keine Ahnung, wie mein Skript aussah. Es handelte sich um ein älteres Regierungsdokument. Aber ob es einzeln im Regal stand oder zu einer Sammlung gehörte, konnte ich nicht sagen. Obwohl ich eher Ersteres vermutete, weil meine geschwärzte Kopie kurz gewesen war, mit der Aufschrift vollständige Nummer 23014.

Während ich weitere Akten begutachtete, überlegte ich, ob ich meine Kräfte nutzen könnte. Sonst stünde ich noch ewig hier und mit jeder Minute erhöhte sich die Gefahr, dass ich entdeckt wurde. Dokumente, die in der Luft schwebten und von Schneeflocken gehalten wurden, waren nicht gerade unauffällig.

Ein verständliches System erkannte ich bisher jedoch nicht. Weder thematisch noch nach Zahlen schien dieses Regal geordnet zu sein. Es war zum Verzweifeln. Nummer 28993 stand direkt neben 17352. Logisch betrachtet müssten dazwischen noch über zehntausend andere Dokumente stehen. Ich konnte doch nicht jedes Regal ablaufen. Das würde ewig dauern. Vor allem, da ich an die oberste Reihe nicht rankam. Mit meinen ein Meter siebzig war ich dafür einfach zu klein.

Genervt verzog ich das Gesicht. Ich wusste, wie ich Menschen mithilfe eines Zaubers fand. Aber ließ sich dieser auch auf Gegenstände anwenden?

Einen Versuch ist es wert.

Vorsichtig blickte ich mich um. Obwohl ich bisher kein verdächtiges Geräusch vernommen hatte, wollte ich auf Nummer sicher gehen. Als Unterstützung sandte ich meine Magie aus. Würde sie auf eine Gefahr stoßen, würde ich es merken.

Aber da war nichts.

Ein erleichtertes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Trotzdem durfte ich nicht trödeln. Schnell stellte ich den Ordner in meiner Hand zurück an seinen Platz und kniete mich auf den Boden.

Um den Ortungszauber zu wirken, musste ich mich sichtbar machen. Ich konnte nicht zweierlei Arten dieser kräfteraubenden Magie gleichzeitig aufrechterhalten, ohne dass ein Zauber Schaden nahm oder ich ohnmächtig wurde. Mir fehlte das letzte Jahr des Unterrichts und in diesem Moment rächte sich das. Es war ein Risiko, aber eines, das ich bereit war, einzugehen.

Nachdem ich einmal tief ein- und ausgeatmet hatte, presste ich meine Hand auf den Boden und schloss die Augen.

Zeig mir, wo Nummer 23014 ist. Zeig mir, wo Nummer 23014 ist.

Meine Lehrerin hatte mir erklärt, dass unsere Magie durch Willenskraft funktioniert. Wenn ich nur fest genug an etwas dachte und mich auf meine Fähigkeiten fokussierte, war jeder Zauber möglich. Sprüche, wie sie in der Menschenwelt in vielen Filmen benutzt wurden, kannte ich hingegen kaum.

In Form kleiner Flüsse breitete sich meine Magie von meinen Fingern im ganzen Raum aus. Das Prickeln wurde stärker, bis ich am Daumen ein Ziehen bemerkte.

Ich öffnete die Augen. Vor mir leuchtete eine klare weiße Linie aus Eis, die mich tiefer in den Saal hineinführte. Sofort sprang ich auf und verbarg mich wieder hinter dem Schneesturm. Der schwierigste Teil des Ortungszaubers war geschafft, jetzt musste ich nur der Spur folgen.

Nichtsdestotrotz blickte ich mich immer wieder um. Es erschien mir komisch, dass niemand hier war. In meiner Vorstellung war ein Archiv mit Menschen gefüllt, die zwischen den Regalen hin und herrannten. Außerdem war es mitten am Tag, da musste doch jemand arbeiten.

Die Stille verunsicherte mich. Das war unnatürlich. Mehrmals schickte ich meine Magie aus, um herauszufinden, ob mir Gefahr drohte. Allerdings bemerkte ich nichts. Kein Zeichen, dass eine Person mich oder meine manifestierte Magie entdecken könnte. Drei Reihen von meinem Ausgangspunkt entfernt endete die Linie in einem großen Eisstern. Meine Mundwinkel wanderten nach oben und ich fühlte mich, als würde mein Herz gleich platzen vor Freude. Es hatte geklappt. Zwar musste ich mich etwas strecken, aber dann hielt ich das gesuchte Dokument in den Händen, das mir einen Weg nach Hause zeigen könnte.

*Leseprobe Ende*
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