Leseprobe zu Magica 1 - Quelle der Macht

In Magica selbst triffst du auf drei Sichten eine davon lernst du hier in der Leseprobe zu Magica kennen.

Prolog

1452 - Jonathan

Meine Sicht begann zu verschwimmen, als die ersten Tränen über meine Wangen rannen. Den ganzen Tag über hatte ich die Fassung bewahrt, um für Helenas Familie stark zu sein, aber jetzt, allein auf dem Waldweg in der nahenden Dämmerung, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wieder und wieder spielten sich in meinem Kopf die letzten Minuten des Lebens meiner Verlobten ab. Das sonst so helle Leuchten in ihren braunen Augen war immer schwächer geworden, der Husten dafür umso stärker – es war schlussendlich sogar Blut dabei gewesen – und diese schwarzen Pestbeulen … Eigentlich wollte ich gar nicht daran denken, aber es fiel mir so schwer, mich nur an die guten Momente mit ihr zu erinnern. Die Krankheit, mit der sie in den letzten Wochen zu kämpfen gehabt hatte, überdeckte jedes strahlende Lachen und jede unserer hitzigen Diskussionen.

Obwohl ich anfangs keine Liebe für sie empfunden hatte, hatte ich mich nach und nach in die zwei Jahre jüngere Helena Hooker verliebt, die mein Vater als eine gute Partie für mich ausgesucht hatte. In einer Woche wäre unsere Hochzeit gewesen und dann wäre aus ihr Mrs. Westlake geworden. Eine einzige Woche. Wieso hatte das Schicksal uns nur solch einen Strich durch die Rechnung gemacht? Wieso hatte Gott etwas gegen die Vermählung? Helena war noch so unschuldig gewesen, sie konnte keinen Fehler begangen haben. Was also hatte ich falsch gemacht, dass sie hatte sterben müssen?

Unser kleiner Hof tauchte am Ende des Weges auf. Schon aus der Ferne konnte ich meine kleine Schwester Sarah entdecken, deren braune Haare in dem aufkommenden Wind hin und her wehten. Seit dem Ausbruch dieser gefährlichen Krankheit, die manche den Schwarzen Tod nannten, hatten meine Eltern und ich es erfolgreich geschafft, zu verhindern, dass weder Sarah noch mein jüngerer Brüder Timothy etwas davon mitbekamen. Für die beiden hatte Helena nur eine ganz normale Grippe erwischt. Deswegen rieb ich mir auch die Tränen aus den Augen, damit meine Schwester nicht misstrauisch wurde. Sie sollte nicht merken, dass der Tod unserer Familie immer näher kam.

»Jonathan!«, rief sie in diesem Moment auch schon und eilte freudestrahlend auf mich zu. Mit einem gespielten Lächeln wirbelte ich den zierlichen Körper meiner zehnjährigen Schwester durch die Luft, ehe ich sie wieder absetzte. »Mutter hat sich schon Sorgen um dich gemacht. Sie meinte, dass vielleicht etwas mit dir geschehen ist.«

Natürlich hatte sich meine Mutter Sorgen um mich gemacht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich Helena seit den ersten Anzeichen der Krankheit nicht mehr sehen dürfen. Ich könnte mich ja auch anstecken, hatte sie gesagt. Da hatte ich ihr sogar zugestimmt, doch Helena war meine Verlobte gewesen. Obwohl wir noch kein Ehegelübde abgelegt hatten, war es mein Wunsch gewesen, ihr beizustehen – in guten wie in schlechten Tagen.

»Ich werde gleich zu ihr gehen, um sie zu beruhigen. Aber, Schwesterchen …« Sarah schien zu wissen, was jetzt kommen würde, denn sie versuchte sich aus meinen Armen zu befreien, wofür ich jedoch zu stark war. »Solltest du nicht langsam schlafen gehen? Die Sonne geht schon unter.«

»Jonathan«, begann sie mit einem Dackelblick zu betteln, doch dieser Blick zog bei mir schon lange nicht mehr. Nur zwei Sekunden später fand sie sich daher auf meiner Schulter wieder, während ich den Weg zum Haus fortsetzte.

Für einen kurzen Moment konnte ich dabei sogar Helenas Tod vergessen, während meine Schwester mit ihren Fäusten auf meinen Rücken trommelte. Das Fachwerkhaus mit der roten Tür und den gleichfarbigen Fensterläden kam immer näher, weswegen das Trommeln auf meinen Rücken auch immer fester wurde.

»Jonathan, lass mich runter! Ich will noch nicht schlafen gehen!«, schrie sie so laut, dass man es über den ganzen Hof hören konnte.

Vor der Haustür kam uns mein Vater entgegen, der zwei Eimer Wasser trug. Ohne Sarah abzusetzen, öffnete ich für uns alle die Tür und schloss sie auch direkt hinter mir wieder, bevor ich die Kleine auf ihre eigenen Beine stellte.

»Junge Dame, du solltest schon längst neben deinem kleinen Bruder im Bett liegen«, wies auch mein Vater seine Tochter zurecht.

»Kann ich nicht noch etwas wach bleiben, so wie Jonathan?«, bettelte Sarah, wobei sie meinen Vater auch mit dem Dackelblick zu überzeugen versuchte. Nur was bei Nachbarn, Helfern und Fremden klappte, konnte keinen der Familie mehr beeindrucken.

Lächelnd zerzauste Vater ihr die hellbraunen Haare. »Dein Bruder ist auch schon acht Jahre älter als du, Sarah. Komm, ich bringe dich schnell nach oben«, stellte er klar, wobei seine Stimme keine Widerworte zuließ, und nahm meine Schwester an der Hand.

Begleitet durch das Geräusch der knarrenden Treppenstufen hob ich die beiden Blecheimer hoch und trug sie in die Küche. Durch das kleine Fenster am Tisch fielen die letzten Sonnenstrahlen, weswegen ich beschloss, die ersten Kerzen anzuzünden. Auf der Feuerstelle köchelte eine Flüssigkeit in einem großen Kochtopf, die ich nach genauerem Betrachten als eingekochte Früchte identifizierte.

»Nicht!«, riss Mutter mich aus meinen Gedanken, ehe ich den Finger in die Flüssigkeit stecken konnte, um zu probieren, worum es sich dabei genau handelte. »Das ist die Medizin für Timothy. Er hustet seit heute Morgen.«

Ich konnte in ihren blauen Augen sehen, dass sie befürchtete, der Schwarze Tod hätte unser jüngstes Familienmitglied erwischt.

Wie schon den ganzen Tag über verdrängte ich meine eigenen Gefühle und zog meine Mutter beruhigend in die Arme. »Es ist wahrscheinlich nur ein ganz ungefährlicher Husten«, versuchte ich ihr und mir gleichermaßen einzureden, wobei die Tränen doch wieder einen Weg in meine Augen fanden. Sollte mir wirklich alles genommen werden, was mir am Herzen lag?

»Jonathan, du hast ihn nicht gesehen. Er …«, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme und ihr Gesicht spiegelte den sorgenvollen Blick wider, den ich vor wenigen Minuten schon auf dem Gesicht meiner kleinen Schwester gesehen hatte. Meine beiden Geschwister hatten die blauen Augen und die braunen Haare meiner Mutter geerbt, während ich mit meinen blonden Haaren und den grünen Augen das jüngere Ebenbild meines Vaters darstellte.

»Nein, ich habe ihn noch nicht gesehen, dafür war ich heute Morgen dabei, als Helena dieser Krankheit erlag«, unterbrach ich sie, erstaunlicherweise ohne jegliche Anzeichen eines Zitterns in der Stimme.

Mutter begann, mir zärtlich über den Rücken zu streichen. »Oh, Jonathan, das tut mir leid.« Dann löste sie sich von mir, da die Flüssigkeit überkochte und sie den Topf mit einem Stock von der Feuerstelle schieben musste. »Aber dir geht es noch gut, oder? Kein Husten? Fieber? Irgendwelche Anzeichen der Krankheit?«

Ich schüttelte den Kopf. Natürlich war ich müde und erschöpft, aber ich fühlte mich nicht krank. »Nein«, antwortete ich. »Mir geht es gut. Mach dir um mich keine Sorgen. Aber hoffentlich ist es nicht meine Schuld, dass Timothy jetzt krank ist.«

Keiner erwiderte etwas auf meine Vermutung, weder meine Mutter, die gerade die Flüssigkeit in eine Tasse füllte, noch mein Vater, der in diesem Moment zurück in die Küche kam. Doch wie sich herausstellte, hatte mein Vater nur darauf gewartet, dass Mutter den Trank zu meinem Bruder brachte, damit wir unter uns waren.

Als wir das Öffnen von Timmies Zimmertür vernahmen, legte er mir die Hand auf meine rechte Schulter und gab mir einen Rat. »Das mit Helena tut mir sehr leid für dich, aber erinnere deine Mutter nicht so direkt daran, wie nahe du der Krankheit in den letzten Wochen warst. Sie ist schon von genug Leid geplagt, seit Timothy heute Morgen das erste Mal gehustet hat.«

Nachdenklich fuhr ich mir mit der Hand durch meine unordentlichen Haare. Eine Bewegung, die ich am heutigen Tag schon zum gefühlt hundertsten Mal ausführte. »Vielleicht wäre es besser, wenn ich euch verlassen würde. Wie du schon sagtest, bin ich in den letzten Wochen sehr oft mit der Krankheit in Berührung gekommen und es könnte sein, dass sie schon auf mich übertragen wurde. Ich bin eine Gefahr für euch«, stellte ich fest, während ich von meinem Vater wegtrat und mit dem Rücken zu ihm die nahende Dunkelheit vor dem Fenster betrachtete.

»Junge, wir können froh sein, dass der Schwarze Tod noch nicht auf unsere Familie übergegriffen hat. Du kannst jetzt nicht gehen. In den nächsten Tagen brauche ich deine Hilfe mehr denn je, damit wir diesen Winter überstehen können. Wenn du uns jetzt verlässt, kannst du auch gleich unser Todesurteil unterschreiben.« Die feste Stimme meines Vaters, die er normalerweise nur beim Handel und gegenüber Arbeitern benutzte, ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen. So streng hatte er noch nie mit mir gesprochen. »Jonathan, wir brauchen deine Mithilfe. Du bist wichtig für uns.«

Trotz dieser Worte lag ich in der Nacht noch lange wach, um über meine Entscheidung nachzudenken. Helenas Tod hatte die Lage für uns verändert. Keine Mitgift für den Hof, keine zusätzliche Arbeitskraft, die wir so bitter nötig hatten. Solange ich noch gesund war, konnte ich meine Familie in dieser Zeit nicht allein lassen.

Außerdem ging mir der besorgte Gesichtsausdruck meiner Mutter nicht aus dem Kopf, den sie in Bezug auf Timmie gezeigt hatte. Neben Helenas müdem, letzten Lächeln war das die Erinnerung, welche am meisten in meinem Kopf erschien. Mutter wurde von Tag zu Tag erschöpfter, die Augenringe unter ihren blauen Augen wurden immer tiefer und sie neigte viel schneller zu Gefühlsausbrüchen. Ich musste ihr einen Teil dieser Last abnehmen.

Inzwischen war der leichte Regen vor meinem Fenster zu einem heftigen Gewitter geworden, dessen Donner in regelmäßigem Abstand durch meine Gedanken brach. Plötzlich knallte es noch lauter als zuvor und erst wenige Momente später begriff ich wegen eines weiteren leiseren Donnerschlags, dass das laute Geräusch nicht natürlich gewesen sein konnte. Jemand versuchte in unser Haus einzubrechen.

Sofort sprang ich auf und eilte die Treppe nach unten. Die Haustür hatte sich aus den Angeln gelöst beziehungsweise hing nur noch an einem lockeren Scharnier. Im Türrahmen stand eine dunkle Gestalt mit einem wehenden Mantel. Ein Blitz zuckte über den Himmel, woraufhin ich einen deutlichen Blick auf das Gesicht der Person erhaschen konnte. Es war ein Mann im Alter meiner Eltern mit hellblonden Haaren und leuchtend braunen Augen. Von seinen Mundwinkeln tropfte Blut und ich war mir sicher, dass mir der Tod gerade meine Entscheidung abgenommen hatte.

Cover Magica 1 von Saskia Stanner

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