Leseprobe Italian Escape

Kapitel 1 – Lady Antonia Clarissa Alcott, die letzte direkte irische Nachfahrin der britischen Monarchie

Es war still in unserem Landhaus. Das fiel mir als Erstes auf, als ich es mit meinem besten Freund Marlon betrat. Selbst wenn meine Eltern nicht zu Hause waren, war ich war es gewohnt, von Stimmen begrüßt zu werden.

»Was ist denn hier los?«, flüsterte Marlon verwundert.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich besorgt. »Wir waren doch nur zwei Stunden weg. Da kann doch nicht so viel passiert sein.« Während ich meinen Mantel auszog, blickte ich mich suchend um und kontrollierte, ob noch alle Autoschlüssel an der Halterung hingen. Es fehlte keiner, was bedeutete, dass zumindest meine Eltern zu Hause sein mussten. Vielleicht waren sie einfach mit Lesen beschäftigt. Davon konnte man in der Eingangshalle nichts vernehmen. Auch Marlon blickte sich verunsichert um.

Mit einem unguten Gefühl ging ich weiter in den Salon. Von hier aus konnte ich direkt in unseren großen Garten sehen, jedoch war auch dort niemand zu entdecken.

Natürlich könnten sie auch an den Klippen sein, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Als ich das Haus vor zwei Stunden verlassen hatte, war es geschäftig zugegangen, den Staubsauger der Putzfrau hatte ich bis in mein Zimmer im obersten Stock gehört.

Und jetzt nichts mehr? Das war wirklich nicht normal, weswegen mein Herz schneller zu schlagen begann. Was hatte ich verpasst? Wo waren meine Eltern? Hätte ich nicht gerade die Hellers im Nachbarhaus getroffen, hätte ich hinter ihrem Verschwinden eine Evakuierung vermutet. Aber das konnte es nicht sein. Es musste eine andere Erklärung geben und ich hoffte, dass die dunklen Gedanken, die dank Pretty Little Liars gerade durch meinen Kopf schlichen, nicht der Wahrheit entsprachen. Mich würde kein Erpresserbrief mit der Unterschrift A erwarten und es würde auch ganz sicher keine blutige Überraschung geben. Daran musste ich nur fest genug glauben.

Hinter mir hörte ich Marlon erschrocken nach Luft schnappen. Ich drehte mich um und entdeckte ihn in der Küchentür stehend.

»Annie, bleib, wo du bist. Das solltest du nicht sehen.«

Seine Worte ignorierend, trat ich neben ihn und erstarrte. Der Boden war mit Blut befleckt und in der Mitte des Raums lag meine Mutter, an ihrem ganzen Körper waren Wunden zu erkennen.

»Mum!«, schrie ich panisch, lief zu ihr und versuchte sie wachzurütteln. »Nein, du darfst nicht … Nein, das … Mum! Sag doch was. Bitte! Bitte, ich …« Zum Ende war meine laute Stimme einem verzweifelten Flüstern gewichen.

Sie rührte sich nicht mehr. Das Blut bedeckte meine zitternden Hände, aber es kümmerte mich nicht. Der Anblick ihres leblosen Körpers schnürte mir die Luft ab und vor meinen Augen verschwamm die Sicht, während meine Tränen kein Ende nahmen. Meine Atmung wurde immer schneller und steigerte sich zu einem dauerhaften Schluchzen. Weinend redete ich mir ein, dass sie nur schlief.

Marlon legte eine Hand auf meine Schulter, bevor er mich in eine Umarmung zog. Mein bester Freund strich mir beruhigend über den Rücken, aber ich konnte spüren, dass auch er am ganzen Körper zitterte. Nur ließ er sich seinen Schock nicht so deutlich anmerken. Als ich zu ihm aufblickte, verriet nur das Glitzern in seinen Augen, wie nah er den Tränen war und wie sehr er versuchte, für mich stark zu sein. »Annie, wir müssen die Polizei benachrichtigen«, erinnerte er mich sanft.

»Aber Mum …«, entgegnete ich schwach, bevor ich wieder zu schluchzen begann. Meine Mutter war tot. Gestorben. Ermordet.

Obwohl ich ihn nicht mehr sehen wollte, konnte ich den Blick nicht von ihrem Körper abwenden. Ihre Haare waren durch das Blut tiefrot verfärbt. Die Schnitte waren über den ganzen Körper verteilt: zwei direkt auf der Brust, einer am Hals und einige an Armen und Beinen.

»Du kannst jetzt nichts mehr für deine Mutter tun«, erwiderte Marlon nachdrücklich, als hätte er meine Gedanken gelesen.

»Nein, ich will nicht!«, schrie ich, als Marlon versuchte, mich von meiner Mutter wegzuzerren. Immer wieder strich ich ihr über die Wangen. »Du darfst mich jetzt nicht alleinlassen. Du musst aufwachen, Mum!«

Marlon sank neben mir auf die Knie. »Annie.« Mehr sagte er nicht, sondern zog mich nur in seine schützenden Arme.

»Sie ist tot«, stammelte ich. »Tot.«

»Ich weiß«, flüsterte Marlon.

Da die Tränen inzwischen nachließen, sah ich die Wunden wieder deutlich vor mir. Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken. Das konnte nicht wahr sein. Wenn ich meine Augen schloss, würde ich mich wieder in meinem Bett befinden und alles wäre nur ein schrecklicher Albtraum.

Aber dem war nicht so. Egal wie oft ich die Augen schloss und mir danach in den Arm kniff, Mum lag noch immer leblos auf dem Küchenboden.

»Kannst du …?«

Marlon blickte mich fragend an. Ja, was sollte er können? Er konnte weder Mum zum Leben erwecken, noch die Zeit zurückdrehen.

»Ich rufe die Polizei an«, informierte er mich und zog sein Handy aus der Hosentasche. »Kann ich dich … Ich meine …?« Ich sah ihm an, dass er dieser Situation entkommen wollte. Unwillkürlich wanderte sein Blick immer wieder zu meiner Mutter, nur um schnell durch den Raum zu streifen, als könnte er etwas finden, was uns helfen könnte. Er wollte sich irgendwie nützlich machen, irgendetwas tun, um sich abzulenken. Hinter seiner vermeintlich ruhigen Maske konnte ich die unterdrückte Trauer erkennen. Marlon versuchte für mich stark zu sein, doch seine zitternden Lippen und die glänzenden Augen konnte er nicht verstecken.

»Geh«, flüsterte ich und war froh darüber, endlich mit meiner Mutter allein zu sein.

Einige Minuten lang hielt ich nur ihre kalte Hand, versuchte, mir weiterhin einzubilden, dass das alles nur ein schlechter Traum war. Aber Mum war tot und ich hatte nur noch …

In mir machte sich ein beunruhigendes Gefühl breit. Wo war Dad? War er noch mal in die Firma gefahren oder … Nein, so weit wollte ich gar nicht denken. Etwas wackelig richtete ich mich auf und entfernte mich nach einem letzten Blick auf Mum aus der Küche. Marlon stand am Eingang und blickte die Hofeinfahrt hinauf, als könnte er dadurch die Ankunft der Polizei und des Notarztes beschleunigen.

Währenddessen begab ich mich auf die Suche nach meinem Vater. Ich schaute in jeden Raum im Erdgeschoss, normalerweise war er nicht weit von Mum entfernt, wenn sie in der Küche wieder etwas Leckeres zauberte. Genauso wie ich liebte er es, ihr beim Kochen etwas zu stibitzen. Mit jedem Zimmer, in dem ich ihn nicht fand, machte sich ein weiterer Funke Hoffnung in mir breit. Vielleicht war er wirklich in der Firma und hatte sich von einem Kollegen abholen lassen. Oder er hatte sich kurzfristig mit seinen Freunden auf ein Glas Wein getroffen. Es gab so viele Möglichkeiten, wieso er nicht zu Hause sein konnte.

Mit zittrigen Fingern tippte ich Dads Nummer in mein Handy ein. Ich hoffte darauf, dass er bei einem Meeting in der Firma war. Was ich sonst immer verflucht hatte, wünschte ich mir heute geradezu. Dad trug sein Handy immer bei sich, egal, wo er war.

Aus dem ersten Stock hörte ich das Klingeln.

Ich eilte in sein Arbeitszimmer, in der Hoffnung, dass er noch abheben würde. Mir würde schon ein kleines Zeichen reichen, dass er noch lebte. Dass ich nicht auch ihn verloren hatte.

Ich fand ihn an seinem Schreibtisch, mit dem Kopf auf der Tischplatte. Erst befürchtete ich schon, dass auch er tot war. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, der mir das Atmen erschwerte, aber dann bemerkte ich das langsame Heben und Senken seines Brustkorbes

»Dad?« Vorsichtig legte ich die Hand auf seinen Arm. Das Handy landete auf dem Boden neben mir. Mein Vater zeigte keine Reaktion auf das lauterwerdende Klingeln.

»Dad, kannst du mich hören?« Er bewegte sich nicht, während sein weißes Hemd sich immer dunkler färbte und die Atembewegung immer langsamer wurde. Mit pochendem Herzen fühlte ich seinen Puls am Hals. Ich spürte etwas, aber ich konnte nicht einschätzen, wie sehr es von dem Normalpuls abwich. Es kam mir langsam vor … Zu langsam?

»Annie?«, hörte ich Marlon aus dem Erdgeschoss rufen. »Wo bist du? Die Polizei ist hier!«

»Sie sollen einen Notarzt in Dads Büro schicken!«, erwiderte ich und schaffte es sogar, meine Stimme ruhig klingen zu lassen. »Dad lebt noch, aber er hat eine Wunde am Oberkörper und sein Puls ist sehr niedrig!«

Verdammt, wieso hatte ich bei dem Erste-Hilfe-Kurs nicht besser aufgepasst? Vielleicht könnte ich dann etwas tun, statt nur hilflos herumzustehen und darauf zu warten, dass ein Arzt kam. Stabile Seitenlage? Mund-zu-Mund-Beatmung? Wo war in unserem Haus noch mal der Verbandskasten?

Das Blut strömte immer weiter aus seinem Brustkorb heraus. Konnte ich es stoppen? In Filmen nutzten sie doch immer Jacken oder T-Shirts. Ich sah mich in Dads Arbeitszimmer um. Sein Schal! Schnell holte ich den grünen Wollschal von der Heizung und schlang ihn provisorisch um Dads Brust.

Wenige Sekunden später, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, hörte ich Schritte. Marlon und ein Notarzt betraten das Büro. Der Mediziner fing sofort an, meinen Vater zu untersuchen. An der Tür entdeckte ich zwei Sanitäter, die auf weitere Anweisungen warteten.

»Wird er wieder …?«, flüsterte ich, woraufhin der Notarzt Marlon einen kurzen Seitenblick zuwarf, der nichts Gutes bedeuten konnte.

Sofort legte Marlon den Arm um mich und führte mich aus dem Zimmer. Ich weigerte mich jedoch, meinen Vater in dieser Situation allein zu lassen, riss mich von ihm los und eilte wieder an Dads Seite. Schluchzend klammerte ich mich an seine Hand, als würde er dadurch aufwachen. Als könnte er mir sagen, dass alles wieder gut werden würde.

Ein zweites Mal an diesem Tag verschleierten Tränen meine Sicht. Die Sanitäter redeten auf mich ein, doch ich wollte gar nicht hören, was sie zu sagen hatten. Sie würden mich nur von meinem Vater fernhalten, aber ich wollte nicht von seiner Seite weichen. Er war das einzige Familienmitglied, das mir noch geblieben war.

Marlon packte mich beim zweiten Mal so fest, dass ich mich nicht mehr lösen konnte. Ich musste mich ihm fügen. Obwohl ich mich wehrte und mit Händen und Füßen um mich trat, brachte er mich in unseren großen Salon, wo schon die Polizisten warteten.

»Miss Alcott, darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«, wollte ein junger Beamter von mir wissen. »Es wird auch nicht lange dauern«, fügte er hinzu, als er meinen zögerlichen Blick bemerkte.

In meinem Kopf rasten die Gedanken und blieben doch immer an einer Sache hängen.

Mein Vater war dort oben in seinem Büro, er lebte und ich wusste nicht, wie lange noch. Jede Minute, die hier verstrich, könnte seine letzte sein und ich wäre nicht bei ihm. Genau so, wie ich nicht bei meiner Mutter gewesen war.

Bevor ich antworten konnte, brachten ihn die Sanitäter auf einer Trage nach unten. Er schien immer noch nicht ansprechbar und die Helfer eilten schnellen Schrittes zum Krankenwagen, während der Notarzt durchgehend Dads Puls checkte.

Sofort löste ich mich aus Marlons Armen und eilte zu ihnen. »Wie geht es ihm?«, fragte ich die Sanitäter panisch. »Wird er überleben? Bitte sagen Sie mir, dass es nur ein kleiner Kratzer ist!«

Der mitleidige Blick der Sanitäter war Antwort genug. Während sie meinen Dad in den Krankenwagen schoben und einen Tropf anschlossen, nahm mich der Notarzt zur Seite. »Miss Alcott, wir werden unser Bestes geben, aber es steht schlecht um Ihren Vater. Er hat schon zu viel Blut verloren. Wir müssen ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen, um überhaupt noch eine Chance zu haben.«

»Kann ich mitkommen?«, fragte ich sofort und wandte meinen Blick wieder den Sanitätern zu, die gerade den Verband um Dads Brust erneuerten. »Er ist das letzte Familienmitglied, das mir noch geblieben ist.«

Der Notarzt ließ den Blick über mich wandern. Meine verweinten Augen und die Unterlippe, die zitterte, wenn ich nicht gerade darauf biss, mussten ihn wohl irgendwie überzeugen, denn er nickte und wies mich an, in den Krankenwagen zu steigen.

Aus dem Augenwinkel nahm ich noch wahr, dass Marlon ebenfalls mit ihm sprach, aber ich konnte nicht verstehen, worum es ging. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf das blasse Gesicht meines Vaters gerichtet.

Er sah so entspannt aus, als würde er nur schlafen. Dabei kämpften die Sanitäter gerade um sein Leben. Immer wieder injizierten sie ihm ein neues Medikament und kontrollierten den Tropf, während ich Dads Hand immer fester umklammerte.

In meinen Augen begannen sich wieder Tränen zu bilden und mein Blick wanderte mit der gleichen Regelmäßigkeit zum EKG wie die der Sanitäter. Noch bewegte sich die Linie, aber die Abstände zwischen den Ausschlägen wurden immer größer. Ich hielt immer wieder den Atem an. Dabei strich ich Dad liebevoll über die Hand. Vielleicht würde er ja aufwachen, wenn er meine Berührung spürte.

Dann passierte es. Dad griff nach meiner Hand. Für einen kurzen Moment schlug er die Augen auf und suchte mit seinem Blick nach meinem. »Der Notfallordner«, flüsterte er so leise, dass ich es nur verstand, weil ich mich mit klopfendem Herzen über ihn lehnte. »Du musst ihn …«

Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment zog sich ein lauter, durchdringender Ton durch den Krankenwagen und ich wurde von den Sanitätern zur Seite geschoben. Das EKG zeigte eine gerade Linie an.

»Wiederbelebung einleiten!«, rief einer der Sanitäter und begann mit der Herzdruckmassage. »Wir dürfen ihn nicht verlieren!«

Während mein Herz zu einem Marathon ansetzte, zeigte sich auf Dads EKG keine Veränderung.

»Alle vom Tisch wegtreten!« Schon wurde ich an die Wand des Krankenwagens geschoben und der Sanitäter versetzte Dad einen Elektroschock. Als sein Körper nach oben schnellte, zuckte auch ich zusammen. Aber das Piepen hatte aufgehört, die Linie bewegte sich wieder. Dad befand sich wieder unter den Lebenden. Ein erleichtertes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht und ich spürte, wie mir ein Stein vom Herzen fiel.

Nur wenige Minuten später kam der Wagen zum Stehen und ehe ich mich versah, hatte man Dads Liege hinausgerollt und ins Krankenhaus geschoben. So schnell mich meine zittrigen Beine tragen konnten, eilte ich ihnen hinterher, bis ein Arzt mich vor dem OP zurückhielt. »Ihr Vater muss operiert werden. Warten Sie hier.«

Tatenlos musste ich zusehen, wie Dads Liege in einen OP-Saal geschoben wurde und sich die Türen hinter ihm schlossen. Wie in Trance tappte ich zu den Stühlen eines kleinen Wartebereichs und ließ mich auf einen davon fallen. In meinem Hals hatte sich ein dicker Knoten gebildet und ich spielte nervös an meiner Kette herum.

Einige Minuten später zog Marlon mich in seine Arme. Er war extra mit dem Auto hinterhergefahren, damit ich in dieser schwierigen Situation nicht allein war. Zitternd drängte ich mich an ihn und verbarg mein Gesicht in seinem Pulli. Keiner von uns sprach ein Wort, aber es tat gut, dass er hier war. So war ich zumindest nicht allein.

Immer wieder strich er mir mit fahrigen Bewegungen über den Rücken und drückte mir einen Kuss auf den Scheitel.

Viel zu schnell trat ein Arzt zu uns. Instinktiv wusste ich, dass er keine positiven Nachrichten brachte. »Miss Alcott.« Er wartete, bis ich mich von Marlon gelöst hatte und aufgestanden war. Dabei biss ich mir auf die zitternde Unterlippe, um etwas Haltung zu bewahren. »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Vater soeben im OP verstorben ist. Der Blutverlust war zu groß und die Lunge zu sehr beschädigt, als dass …«

Mehr hörte ich nicht und mehr brauchte ich auch nicht hören. Er war tot. Mein Vater war genauso wie meine Mutter gestorben. Ich war eine Waise.

Als mich diese Erkenntnis traf, brach ich zusammen. Auf dem Boden kniend schlug ich die Hände vor mein Gesicht und ließ den Tränen freien Lauf. Nur noch nebenbei bekam ich mit, was um mich herum passierte. Es war, als hinge zwischen mir und der realen Welt ein Schleier, den niemand durchdringen konnte. In meinem Blickfeld flimmerte es und ich kniff immer wieder die Augen zusammen, um die schwarzen Flecken zu vertreiben, obwohl der Gedanke an eine Ohnmacht verlockend war. Einfach aus dieser Tragödie fliehen und erst wieder aufwachen, wenn alles vorbei war. Aber es würde nie vorbei sein, niemand konnte meine Eltern ersetzen. Niemand konnte mir geben, was sie mir mein ganzes Leben lang geschenkt hatten.

Der Arzt verabschiedete sich und Marlon ging neben mir in die Knie. Er strich mir vorsichtig über den Rücken, während er scheinbar auch irgendetwas zu mir sagte, aber ich konnte ihn nicht verstehen. Ich hörte nur mein eigenes Schluchzen und meinen Puls, der laut in meinen Ohren pochte.

An den Rest des Tages konnte ich mich in den ersten Monaten danach nur schleierhaft erinnern. Mein Kopf hatte sich einen Schutzmechanismus geschaffen, der für mich undurchdringlich schien. Ich konnte mich nur noch daran erinnern, dass Marlon mich mit dem Auto in sein Zuhause gebracht hatte.

Nachdem die Polizei mit der Spurensicherung fertig war, durften wir noch einmal in mein Haus gehen, um ein paar meiner Sachen für die nächsten Tage zu holen. Jedoch war es uns nicht erlaubt, die Küche, den Salon und Dads Büro zu betreten. Mit Plastikschuhen an den Füßen liefen meine beste Freundin Tess und ich deswegen schnurstracks in mein Zimmer im zweiten Stock.

Wir packten gerade gemeinsam meinen großen Koffer, als mir die letzten Worte meines Vaters einfielen.

Der Notfallordner. Du musst …

»Bin gleich wieder da. Ich muss noch was aus der Bibliothek holen«, erklärte ich Tess kurz angebunden und rannte in den Westflügel unseres Anwesens.

Der Geheimtresor lag hinter dem Bücherregal mit meinen Fantasy-Büchern und ich musste dafür die Kopie von Der Hobbit herausziehen. Der echte Hobbit lag seit Jahren in meinem Zimmer unter meinen Schulsachen, damit niemandem etwas auffiel und ich das Buch trotzdem zum Lesen hatte.

Bevor ich den Band herauszog, blickte ich mich noch ein letztes Mal um, ob ich wirklich allein war. Dann offenbarte sich mir schon die Tresortür, die ich mit meinem Fingerabdruck öffnen konnte.

Ich fand einen Notfallordner, ein paar Tausend Pfund, Euro und auch Dollar, sowie eine Uhr mit dem Wappen unserer Familie darauf.

Dann setzte ich mich auf die Couch im Lesebereich der weitläufigen Bibliothek und schlug den Ordner auf. Er beinhaltete gefälschte Pässe mit anderen Namen für die ganze Familie, einige Dokumente mit Notfallplänen und eine Visitenkarte mit einer Nummer. Hatte Dad sagen wollen, dass ich dort anrufen musste?

Diese Telefonnummer tippte ich in mein Handy ein und prüfte sie zwei Mal auf ihre Richtigkeit, bevor ich wählte.

Einige Sekunden lang passierte nichts. Dann meldete sich eine männliche Stimme, die fast so emotionslos wie ein Roboter klang, am anderen Ende der Leitung. »Hartmann, MI6. Mit wem spreche ich?«

MI6? Wieso wollte Dad, dass ich das MI6 anrief? Kurz warf ich einen Blick auf die Nummer. Doch, ich hatte sie richtig eingegeben.

»Antonia Alcott hier. Mein Vater hat mir gesagt, dass ich diese Nummer anrufen soll.«

»Miss Alcott, was ist passiert? Eigentlich sollten Sie diese Nummer nur wählen, wenn Ihren Eltern etwas passiert«, erwiderte mein Gesprächspartner sofort. Seine Tonlage war nun höher geworden und er redete so schnell, dass einige Wörter fließend ineinander übergingen.

»Meine Eltern wurden umgebracht«, antwortete ich mit einer klaren Stimme, aus der ich jede Emotion und jedes Zittern verbannte.

Es blieb einige Minuten lang still. »Dann fliegen wir sofort zu Ihnen und erklären Ihnen, was Ihr Vater für Sie geplant hat. Sie müssen von der Bildfläche verschwinden, damit wir für Ihre Sicherheit garantieren können. Wir wollen nicht, dass Ihnen das Gleiche passiert.«

*Leseprobe Ende*

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